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Rezension

Veröffentlicht 5. Oktober 2026 Oya Canli London Palladium, London

Evita: Von Madonna bis Rachel Zegler

Wie sich das Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice über Eva Perón immer wieder neu erfindet — vom ursprünglichen Konzeptalbum und dem berühmten Film bis zu Jamie Lloyds eindrucksvoller Inszenierung im London Palladium.

Rachel Zegler als Eva Perón tritt mit dem Ensemble von Evita auf der Bühne des London Palladium auf.
Foto: Marc Brenner

Evita erzählt eine stark dramatisierte Version von Eva Peróns Aufstieg — von einer ehrgeizigen jungen Frau in Argentinien bis zu der Zeit, in der sie als Ehefrau von Präsident Juan Perón zur First Lady des Landes und zu einer seiner bekanntesten öffentlichen Persönlichkeiten wurde.

Das Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice erschien zunächst 1976 als Konzeptalbum und kam zwei Jahre später auf die Bühne des Londoner West Ends. Mit seiner nahezu durchkomponierten Form und seiner sofort wiedererkennbaren Musik wurde es zu einer der prägendsten gemeinsamen Arbeiten des Autorenduos.

Vom Album auf die Bühne

Das Album Evita erschien im November 1976, mit Julie Covington als Stimme von Eva. Zwei Jahre später feierte die Bühnenproduktion im Londoner Prince Edward Theatre Premiere, mit Elaine Paige in der Titelrolle.

Von Anfang an verband das Musical eine persönliche Geschichte mit Themen wie Ehrgeiz, Ruhm, Macht und öffentlichem Image — Motive, die es verschiedenen Inszenierungen und Darstellerinnen ermöglichen, Eva immer wieder anders zu interpretieren.

Gerade diese Möglichkeit, die Geschichte immer wieder neu zu betrachten, ist für mich einer der Gründe, warum Evita bis heute so faszinierend geblieben ist.

Madonna und der Film

Einem noch größeren Publikum wurde das Musical durch Alan Parkers Verfilmung von 1996 bekannt. Madonna spielte Eva Perón, Antonio Banderas Che und Jonathan Pryce Juan Perón.

Madonnas Besetzung sorgte bereits lange vor dem Kinostart für Kontroversen, besonders in Argentinien, wo Eva Perón weiterhin eine politisch und kulturell äußerst bedeutende Figur war. Teile der peronistischen Bewegung lehnten die Dreharbeiten ab, und in Buenos Aires erschienen Protestgraffiti gegen Madonna und Regisseur Alan Parker.

Madonna bereitete sich intensiv auf die Rolle vor. Nach ihrer Ankunft in Argentinien traf sie Menschen, die Eva und Juan Perón persönlich gekannt hatten, und versuchte, Evas Persönlichkeit und ihr Leben besser zu verstehen.

Ihre Besetzung löste zugleich eine größere Diskussion aus: Konnte einer der größten Popstars der Welt eine Rolle übernehmen, die bereits so eng mit Musicaldarstellerinnen wie Elaine Paige oder Patti LuPone verbunden war?

Gerade diese Frage trug dazu bei, den Film zu einem solchen Ereignis zu machen.

Madonnas Interpretation von „Don't Cry for Me Argentina“ wurde zu einem der prägendsten Momente des Films. „You Must Love Me“, eigens für die Filmfassung geschrieben, gewann später den Oscar für den besten Originalsong.

Eine neue Evita im London Palladium

Fast drei Jahrzehnte nach dem Film kehrte Evita 2025 in einer neuen Inszenierung von Jamie Lloyd ins Londoner West End zurück.

Rachel Zegler spielte Eva, Diego Andres Rodriguez Che und James Olivas Juan Perón. Die Produktion lief von Juni bis September 2025 im London Palladium.

Lloyd näherte sich dem Musical völlig anders als eine traditionelle historisierende Inszenierung.

Anstatt das Argentinien der 1940er- und 1950er-Jahre detailgetreu nachzubilden, setzte die Produktion auf markantes Licht, kraftvolle Choreografie, Live-Musik, Kameras und eine Atmosphäre, die stellenweise eher an ein modernes Konzert erinnerte.

Dadurch rückte Eva noch stärker als Performerin und öffentliche Persönlichkeit in den Mittelpunkt — eine Frau, bei der ihr öffentliches Bild beinahe ebenso wichtig wird wie der Mensch dahinter.

Der Balkon, über den alle sprachen

Die meistdiskutierte Idee der gesamten Inszenierung kam bei „Don't Cry for Me Argentina“.

Rachel Zegler sang das Lied nicht auf der Bühne des Palladiums. Stattdessen trat sie auf den echten Außenbalkon des Theaters und sang für die Menschen, die sich unten in der Argyll Street versammelt hatten.

Das zahlende Publikum im Theater verfolgte ihren Auftritt währenddessen über eine Live-Übertragung auf einer Leinwand.

Die Reaktionen des Publikums fielen sehr unterschiedlich aus.

Einige Zuschauer fragten sich, warum einer der berühmtesten Momente des Musicals außerhalb des Theaters stattfand, während sie ihn lediglich auf einem Bildschirm verfolgen konnten.

Andere empfanden die Idee als außergewöhnlich wirkungsvoll — und zugleich als besonders passend für ein Musical, in dem Ruhm, öffentliches Image, politische Inszenierung und die Beziehung einer öffentlichen Persönlichkeit zur Menge eine so wichtige Rolle spielen.

Auch die damalige Berichterstattung spiegelte beide Sichtweisen wider.

Für mich war genau diese Spannung einer der Aspekte, die die Inszenierung so interessant machten.

Die Musik im Herzen von Evita

So unterschiedlich die einzelnen Inszenierungen auch sein mögen, die Musik bleibt das Herzstück von Evita.

„Buenos Aires“, „Another Suitcase in Another Hall“, „High Flying, Adored“ und natürlich „Don't Cry for Me Argentina“ zeigen, warum die Musik von Lloyd Webber und Rice auch fast fünf Jahrzehnte nach der Entstehung des Musicals so unverwechselbar geblieben ist.

Die Songs begleiten Evas Geschichte nicht nur. Sie zeichnen ihren Ehrgeiz, die Veränderung ihres öffentlichen Bildes und die Welt nach, die sich zunehmend um sie herum entwickelt.

Und jede neue Darstellerin bringt etwas Eigenes in diese Lieder ein.

Die vielen Gesichter Evas

Mich fasziniert, wie viele unterschiedliche Interpretationen Eva bereits auf der Bühne und im Film erfahren hat.

Elaine Paige, Patti LuPone, Madonna und Rachel Zegler haben sich der Figur jeweils auf ihre eigene Weise genähert, während die zentrale Geschichte von Evita erkennbar dieselbe geblieben ist.

Jede Interpretation verändert dabei unweigerlich auch die Art, wie wir Eva wahrnehmen.

Für mich fühlte sich Evita durch Rachel Zegler vollkommen neu an.

Ich ging ins Theater und kannte die berühmten Songs ebenso wie die ikonische Filmversion mit Madonna. Doch die Geschichte live zu erleben, ließ mich viel stärker spüren, welche Kraft darin liegt, Evas Aufstieg, ihren Ehrgeiz und ihre Verwandlung unmittelbar vor den eigenen Augen zu verfolgen.

Die Dimension der Inszenierung im Palladium, die Choreografie, das Licht und Rachel Zeglers Darstellung verliehen der Geschichte eine Unmittelbarkeit, die ich beim Film nie erlebt hatte.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Evita ein so beständiges Musical geblieben ist: Jede neue Eva eröffnet uns eine weitere Möglichkeit, die Frau hinter der Legende neu zu betrachten.

Jamie Lloyds Inszenierung von Evita lief vom 14. Juni bis zum 6. September 2025 im London Palladium.

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